Workshopgeschichten

Hochdruckform auf dem Alexanderplatz

Der Begriff «Buchdruck» ist heute irreführend, er wird seit dem 15. Jahrhundert so genannt, weil man damit zuerst Bücher druckte. Buchdruck ist «Hochdruck», denn alle Teile der Druckform die erhaben sind, bekommen Farbe und zeichnen sich auf dem Papier ab. Das Material ist vielfältig.
In der Schule üben Kinder den guten alten Linolschnitt. Jeder kennt die kleinen weissen Schächtelchen mit dem birnenförmigen Holzgriff und den fünf unterschiedlichen Messer, die man in den Griff steckt.
Scharf und professionell ist das Werkzeug für den Holzschnitt. Es gibt eine riesige Klingenvielfalt, Griff- und sogar Holzauswahl. Beim Druck mit Holz (schönes Lindenholz bis zur alten Holztüre) zeigt sich auf den druckenden Stellen die Holzstruktur, was im Gegensatz zum flächigen Linol, einen ganz besonderen Charme zeichnet.  
Die grossen und kleinen Holzbuchstaben, die in den Schubladen von Weiss- und Schwarzkunst liegen, sind noch viel zuwenig. Der Buchstabe als Zeichen tragen viele Menschen in sich als Herzensangelegenheit. Wir beschäftigen uns ja zeitlebens damit: Den Holzbuchstaben mit den Fingern zu erleben ist eine sinnliche Erfahrung und die Buchstaben mit dem Fülli oder Bleistift zu zeichnen genauso. Die Preise für einzelne schöne und makellose Schriftzeichen sind sehr hoch und einen ganzen Alphabetsatz mit mehreren Buchstaben pro Zeichen: Samt und sonders ein Traum.
Das Spiel mit dem sogenannten «Winkelhaken» (dem Werkzeug für den Schriftsetzer) in das man die Bleibuchstaben und -schmuckelemente legt und es zur Zeile «ausschliesst» ist am Anfang etwas kniffelig. Die Buchstaben fallen gerne um.
Dann gibt es die Möglichkeit, die Buchstaben auf der Zeilengiessmaschine «Intertype» als Zeile zu giessen. Mit den austauschbaren Matrizen (Negativstempel) giesst sie den Satz für ganze Zeitungsseiten.
Eine andere Herangehensweise, aber für den Menschen von heute gewohnter, ist auf dem Computer zu gestalten und mit der Datei ein so genanntes «Cliches» in Magnesium oder Polymermaterial herstellen zu lassen. Sie sind vorallem für hohe Auflagen und den Prägedruck (Letterpress) geeignet.

Kennen Sie Berlin?
Ich war mit meiner Tochter Merete im August 2019 für vier Tage dort. Sie mit neunzehn Jahren, ich mit neunundvierzig Jahren. Da sieht man die Dinge schon ziemlich anders. Alle die Winkel und Strassen, die Leute und Farben, die Geräusche und die Düfte, die Wege und Strassenbahnen, die Kunstwerke und ganze normale Dinge.

Merete, mit allen Antennen auf Empfang, lief zielstrebig durch die Strassen. Sie schien einen Strassenplan im Kopf zu haben und zwar so, dass ich immer einen Schritt hinter ihr herging. Ich kam fast nicht mit! Ab und zu drehte sie ganz leicht ihren Kopf und sagte halblaut: «Chumm, Mami». Ich fühlte mich, wie wenn ich mit meinem Vater in unserem Städtchen Zug mit in die Papeterie durfte. Er spazierte mit geradem Rücken voran, ich hinter her. Wie ich es liebt, zu horchen wenn er mit jemandem sprach, in das Auto zu hüpfen wenn er mir die Türe aufhielt. Einfach Kleinmädchen sein.

Merete war vor exakt einem Jahr schon einmal in Berlin. Deswegen wohl, wusste sie stets welche Strassenbahn wir nehmen mussten, wo es das beste Sushi gab und dass man auf keinen Fall auf dem Alexanderplatz herumtrödeln sollte. Ich weiss aber auch, dass sie viel schneller denkt als ich und alle Erfahrungen addiert.

Mein Anspruch sind nicht die Museen und der Bundestag, ihrer auch gar nicht. Ich wollte die Berliner Luft schnuppern, sie kaufte sich eine Flasche mit einer Flüssigkeit, die so hiess. Was mich so faszinierte, waren zum Beispiel die Mülleimer, die selbständig das Eingeworfene pressten; die ganz kleinen Pflastersteinen vor der Buchhandlung Walther König an der Museumsinsel; die beiden Trabis, die um den Checkpoint Charlie kurvten; das runde Hinweiskonzept im Einkaufserlebnis «Bikini Berlin»; die tausend bunten Eintrittskleber vor dem Museum für Kommunikation Berlin, die alle an die Laternenstange vor dem Museum geklebt waren. Ich glaub, ich war einfach Kleinmädchen.

Ja, noch wegen dem Alexanderplatz. Da bekam man direkt ab den Gullideckel einen Druck auf das T-Shirt. Das heisst, ein junger Mann rollte ihn mit Farbe ein und drückte das Shirt mit dem Karton darin künstlerisch darauf. So cool, oder?

Merete grinste nur.

Die Buchhandlung Walther König an der Museumsinsel.
Wegweiserkonzept von Bikiki Berlin.
Vor dem Museum Kommunikation Berlin.
Der Druck direkt ab dem Gullideckel!

Dieser Artikel finden Sie auch auf dem Blog von Trechter.ch.