Workshopgeschichten

Mein erstes Mal

Mir gefielen die Buchstaben so sehr, dass ich nicht wusste was ich rubbeln wollte. Diese Einwegbuchstaben schüchterten mich in meiner Kreativität total ein. Ich hütete deshalb den Schatz bis er so alt war, dass die Zeichen von selbst abblätterten… ungebraucht. 

Erinnerst Du Dich auch? Wie Du das erste Mal die Buchstaben eines kostbaren Lettersetbogens auf ein Papier gerieben hast? Eine schwungvolle oder florale Titelschrift? Hast Du aufgepasst, dass die hauchdünne Buchstabenfolie nicht vorher verknitterte? 

Heute will ich immer noch das ultimativ Coole gestalten. Selbstverständlich nicht mehr mit Letterset, schliesslich haben wir eine Buchdruckerei! Mein Massstab ist immer noch hoch, für 0815 trete ich gar nicht an. Anders ist, dass ich mutig und ausdauernd geworden bin.

So kam es in der Werkstatt von Weiss- und Schwarzkunst, dass ich mir (als erste Lehrtochter im Blei) eine Aufgabe gestellt habe. Das Alphabet beginnt mit dem gestalterisch vielseitigen Zeichen «A». Es sollte für meine durchgeknallt lässige Druckvorlage recht sein. Es kostet kein Material, denn schliesslich kann man «die beweglichen Lettern» (gemäss Gutenberg) so oft neu zusammenstellen, wie man will.
Vor mir lag ein leeres «Schiff», ein Winkelhaken, eine Ahle und eine Schnur. Für mein erstes Mal zog ich eine kurze schwarze Setzerschürze an. Das Schiff ist eine leichte Metallplatte mit Rand, womit man die zusammengestellten Buchstaben (man bindet sie vorher zu einem Satz zusammen) transportiert. Die Aufgabe also war, mit den gewünschten Buchstaben, Zeichen und Leerräumen einen Satz zu erstellen, der in beide Richtungen in den Druckrahmen eingespannt werden kann.

Frag mich nicht, war es Mut, die Suche nach der Bestätigung der Anderen oder einfach Selbstüberschätzung. Ich suchte aus den vielen Schubladen (Setzkästen) mit allerlei Grössen und Schriftcharakter die grossen «A»s und kleinen «a»s heraus und legte sie parat. Die erste Zeile mit den vier «a»s setzte ich in den Winkelhaken, das passte gut, denn sie hatten die gleiche Schriftgrösse.

Danach wurde es ziemlich kompliziert!

Mit den Vertikalen lief es solange gut, bis sich die horizontalen mit den vertikalen Buchstaben in der Höhe vermischten. Bald wusste ich nicht mehr, in welche Richtung zu arbeiten ist. In meinem Kopf hatte es sich ganz einfach ausgemalt, doch auf dem Schiff wollten die Teile einfach nicht Ruhe geben. Es pfiff durch alle Ritzen.

Einige Stunden und viel Frust später band ich den Satz aus. Das heisst, ich schnürte die Buchstaben so stark zusammen, dass die Schnur tief in meine Finger schnitt. Hochnehmen konnte man den ihn natürlich nicht mehr. Das ist sowieso nicht ratsam. Bei einer Führung hob eine interessierte Besucherin einen sehr kleinen, ausgebundenen Satz hoch. Weil er aber nicht so stark ausgebunden war wie meiner, fielen alle Buchstaben und Zwischenräume auf ein Häufchen zusammen. Nach dem ersten Schreck, lachten alle, bis auf einen: der zuständige Setzer. Er musste mit dem Satz ganz von Vorn beginnen.

Erich, seit über sechzig Jahren Buchdrucker, nahm meinen Satz in die Handabziehpresse, wo er flach liegen konnte. Er würde dem Gerüttel und Geschüttel des Heidelberger Tiegels in der Vertikalen nicht standgehalten, meinte Erich trocken.

Ja es stimmt, ich hatte lange an diesem Satz, sehr lange. Aber noch viel länger arbeitete ich, um all die Zeichen und den Ausschluss nach dem Druck an seinen Platz zurück zu tun. Nun gehen die gedruckten Karten langsam zur Neige, aber die unglaublich coole Erinnerung bleibt. 

Wann erlebst Du Deine erste Erfahrung im Bleisatz? Dein erstes Mal?

Dieser Artikel steht auch im Blog von Trechter.ch

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