Workshopgeschichten

Wortleidenschaft

Ein Wortleidenschaftlicher wie ich setzt seinen ersten Fuss in die Werkstatt

Kürzlich habe ich mir ein unglaublich schönes Buch gekauft, eines mit violettem Leineneinband. Es hat eintausend und vierundsechzig Seiten, das Gewicht ist dreitausendvierhundert und zweiundzwanzig Gramm und das Format ist fünfundzwanzig mal vierunddreissig Zentimeter und sechs Zentimeter dick. Es heisst: Thesaurus rex. Die umfangreichste je gedruckte Enzyklopädie an Worterfindungen, die der Autor René Gisler und seine Co-Autoren während zwanzig Jahren gesammelt haben. Koseworte werden zu «Narkoseworte», mehrere «Bleibstifte» schliessen sich zu «Bundstiften» zusammen und eine «Schwarzfurzle» ist ein besonderes Gemüse in «Neutsch».
Das Buch, das Layout, die Kapitel und Rubriken erklären Ernsthaftigkeit. Doch bald runzelt sich die Stirn und man glaubt seinen Augen nicht. Die Wörter nehmen einem gefangen und fordern auf sie auszusprechen, bis man nicht mehr sicher ist, wie man sie eigentlich gelernt hat. Die Wörter hören und fühlen sich plötzlich richtig gut an, die Verwirrung ist komplett. Das Spiel endet erst, wenn man heiter und total erschöpft den Buchdeckel zuschlägt. 

Mein Telefon klingelt. Obwohl ich den Anrufer nicht kenne, gibt er mir in der ersten Minute das Stichwort: «Worte». Gleich sprudelt es aus mir heraus und ich erzähle ihm (dem Ruedi) von meinem riesigen Buch. Er wirkt davon sehr angetan, ja eine Art von Mitgerissenheit spüre ich, doch auch er scheint mir ganz dringend seine Begeisterung über etwas (anderes) vermitteln zu wollen. Ein Atelierkollege meine, dass er doch mal bei Weiss- und Schwarzkunst vorbeischauen solle, die können ihm bestimmt weiterhelfen. Die Idee ist: Eine fünfköpfige Künstlergruppe bildet ihre gesammelten Wörter mit Buchstaben und druckt sie für die Ausstellung «Das Wort im Äntlebuch».
«Eure Holzbuchstaben», sagt er mir am Telefon ganz begeistert, «das sind genau die, die wir für unser Ausstellungsprojekt brauchen». Ich bin überrascht! Die Zahl unserer Holzbuchstaben ist nicht gerade gross.
Fröhlich erzählt er weiter, von seinem ersten Eindruck unserer Werkstatt, den er bei einer Führung durch Roger Tschopp, unserem Werkstattleiter und Präsidenten gewonnen hat. «Ein Traum! Unglaublich, was ihr in Hochdorf erschaffen habt. Ich kann es kaum erwarten wieder zu kommen.»

Selbstverständlich bringe ich «Thesaurus Rex» zum ersten Drucktag in die Werkstatt mit. Doch es bleibt erstmals ruhend auf dem Tisch im Stübli, denn die Holzletter rufen zum Spiel! Eigentlich will ich unseren Gästen Getränke anbieten, doch sie brauchen nichts. Ihr Picknick für den Mittag ist in den Taschen parat. Im Augenwinkel sehe ich, wie die Jeans auf einen Stuhl fliegen und die Werkhosen und die Überkittel angezogen werden. Das heisst wohl, dass ich hier nicht mehr gebraucht werde. Trotzdem spüre ich Wertschätzung in ihrem Aufbruch. Ihre Höflichkeit und die grosse Anerkennung mit der sie die Werkstatt für Ihre Ideen nutzen möchten, macht es kaum auszuhalten in diesen aufregenden Tag zu starten.

Die Männer spitzen die Ohren besonders gut, denn Kursleiter Roger erzählt ihnen von seiner nigelnagelneuen Hüfte und eröffnet ihnen, dass sie heute selber drucken dürfen. Ähmm, müssen. Die zu setzenden Worte sind «Wortreich», «Passwort», «Wortfetzen», «Ehrenwort» und viele mehr. 
Fertig mit all den Wörtern, bevor ich zum «Bleiwüstling» werde (jemand dem Zeitungen ohne Bilder und Weissraum gefallen.

Das Äntlebuch, «beziehungswaise» die Ausstellung über den Gebrauch von Wörtern: «Das Wort, Bedeutung und Wirkung» ist bis am 23. Dezember 2021 geöffnet.

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