Workshopgeschichten

Farbtriologien

Das Wort Triologie verspricht eine interessante Geschichte. Schön lang und nicht gleich fertig, sobald ich mich mit den Charakteren angefreundet habe. Jedes Drittel hat seinen speziellen Schauplatz und seine Persönlichkeiten.

Für mich ist es eine wundersame Reise, wenn ich mich auf die Suche nach drei Farben mache, die meine aktuelle Gestaltungsarbeit benötigt. Warum gleich drei Farben? Drei sind reicher als zwei und nicht so komplex wie fünf. Die Kommunikation zu dritt ist schliesslich auch vielfältiger als zu zweit. Drei Farben, ein Dreiklang!

Wir finden Farbenkombinationen in den Medien, in der Mode und momentan in der Winternatur. So zeigen sich die meisten Farben jetzt genauso nuancenreich wie im Sommer. Nur sind die dunkeln oder sehr hellen Töne weniger gesättigt, was sie tonmässig zusammenbringt. Sie sind weniger intensiv und rein. Eigentlich würde ich die Sonnenauf- und untergänge davon ausnehmen. Aber, wenn wir Glück haben und sie vom Nebel verhüllt sind, stimmt die These der niederen Sättigung. Nachmittags blendet die grelle Wintersonne so stark, dass die Farbwahrnehmung kaum möglich ist.

Farbmuster: Moose und Flechten an der Mauer vor dem Kloster Baldegg

Hier mein Ruhetipp: Schauen Sie sich eine kleine Fläche Wiese oder einen Heckenabschnitt ein paar Momente länger an als üblich. Sind die Halme und Blätter in einem einzigen grünen Farbton? Sie haben Farbverläufe, braune Stellen und Streifen, rote Ränder und gelbe Tupfen. Auch mit einem Farbfächer würden Sie den Ton, welcher sich im Auge zu einem Grün mischt, nicht definieren können.

Manche Farben sind so laut und kräftig, sie wollen gesehen werden. Wie die Pinkies. Sie tun sich als Krokusse und Tulpen hervor. Sie rufen mit ihren bunten Blüten den bald erwachenden Bienen.

Ortswechsel: In meinem Ordner auf dem Desktop «divNeuste_Inspirationen» zeigen die Dateien kleine Vorschaubilder. Obwohl die 2x3mm kaum erahnen lassen, um welches Bild es sich handelt, leuchtet das Pink und das Grün vom Bild «editionfünf» so, dass ich es gleich erkenne. Die Dateien haben keine logischen Namen. Eine heisst zum Beispiel: «Bildschirmfoto 2020-08-19 um 15.11.36». Sie sind meine Sammlung an visuellen Formen und Farben, die ich als Inspiration nutze, wenn die kreative Ader mal stockt. Spannenderweise haben wenige Elemente ein Ablaufdatum, die lösche ich bei einer Durchsicht, andere bleiben jahrelang.

Grell, mit einem Touch Retro

Wie und wo treffen sich also die drei Farben für meine Gestaltung? Hier verfolge ich die Fragentechnik: Was will ich farbig gestalten? Sind es Schrift und Linien oder Farbflächen? Ist das Papier weiss oder hat es einen Farbton? Gibt es neben Papier weitere Bedruckstoffe wie Textil, Metall oder Folie, wo die Farbe gleich wirken soll? Dann darf der Farbton nicht zu eigen sein. Wie sind die Vorlieben und Abneigungen der Kundschaft? Was ist der Anlass: Eine Hochzeits- oder Geburtsanzeige, ein Plakat oder eine Visitenkarte? Gehört der Farbklang in das Branding und wird immer wieder verwendet oder ist es eine einzelne unabhängige Drucksache?

Als erstes suche ich mir eine einzelne Farbe, die zum Thema passt. Ab und zu steht sie schon fest. Diese Farbe lerne ich kennen. Welche Assoziationen bringt sie mit? Wo finde ich sie in der Natur? Was klingt sie an? Geht sie in Harmonie zu einem Farbton in ihrer Farbfamilie, so dass man sogar zwei verwandte verwenden kann? Sind sie harmonisch und trotzdem eigenständig genug? Oder steht die Farbe am liebsten solitär und als Gegensatzfarbe nur punktuell zu verwenden? Überhaupt, wollen wir Harmonie oder lieber Aufmerksamkeit? Welchen Eindruck wollen wir damit erreichen?

Die Fragerei ist enorm wichtig. Denn sie führt mich direkt zu den passenden Farben. So exakt, dass es niemand mehr wundert, warum ich nicht mehrere Gestaltungsentwürfe mache. Sondern den einen, sorgfältig erarbeiteten Vorschlag.

Bei dieser Kombination war die jeweils rechte Farbe (Taupe) gegeben.

Der Prozess bis zur fertigen Drucksache ist selten sehr kurz. Das ist dann der Fall, wenn man in einer Schublade ein altes Klischée findet, wie zum Beispiel der kleine Osterhase. Der Handtellertiegel ist umgehend parat, Farbtopf auf und ein paar Bierdeckel liegen im Schrank.

Zwar braucht es keine langen, unzählige Sitzungen, Recherchen, viele kreativen Köpfe, Zeichnungen und Andrucke. Aber etwas Zeit und Ausdauer! Denn das Wichtigste ist, nie das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Also die Idee so umzusetzen, dass das Resultat einem mit Zufriedenheit erfüllt. Keine Farbänderungen in letzter Minute und keine spontanen Änderungen im Format, nur weil es günstiger oder einfacher ginge.

Die Wege zur passenden Farbe ähneln sich. Es haben sich gewisse Abläufe gefestigt und das ist gut so. Denn wenn man tief in die Farbenwelt eintaucht, droht der Farbrausch und man dreht sich im Farbenkreis.

Yvonne Camenzind

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